Banned Books Week 2017

Dieses Jahr findet vom 24. bis 30. September wieder die, unter anderem von der American Library Association in’s Leben gerufene, Banned Bookes Week statt an der auch weitere Verlage, Buchhändler*innen und NGOs beteiligt sind. Zweck dieser Awareness-Kampagne ist es, auf Bücher aufmerksam zu machen, die aufgrund ihres Inhalts, aus öffentlichen Bibliotheken oder aus dem Schulcurriculum entfernt werden sollen. Relativ häufig sind Bücher betroffen die LGBT+, Suizidalität, Drogenkonsum oder das Erleben von Begehren & Sexualität thematisch abbilden, so wurden im Jahr 2016 John Greens Looking for Alaska aufgrund von „sexually explicit scene that may lead a student to sexual experimentation“ beanstandet, Eleanor & Park von Rainbow Rowell aufgrund der Sprachwahl des Buches und „Two Boys Kissing“ von David Levithan aufgrund der Darstellung von LGBT+-Lebensrealitäten. Auch Klassiker der Weltliteratur zählen zu jenen Werken die durch einen Antrag an Schulen und Bibliotheken durch besorgte Eltern™ bereits beanstandet wurden, unter anderem The Great Gatsby (F. Scott Fitzgerald), To Kill a Mockingbird (Harper Lee) und Ulysses (James Joyce).

Wenn im deutschsprachigen Raum über die Banned Books Week geschrieben wird, dann werden oftmals sämtliche Kontroversen um Bücher gleichgesetzt und in einen Topf geworfen. Kritik am Alltagsrassismus wird auf eine Ebene mit Ängsten besorgter Eltern vor Regenbogenfahnen gestellt und damit berechtigten Diskursen über Menschenfeindlichkeit der Raum genommen, so nachzulesen im Spiegel vom 28.09.2006 „Bücher-Giftschrank: Was US-Schüler nicht lesen sollen“. Nichtsdestotrotz bleibt das Anliegen, dass Bücher nicht einfach aus Regalen und Schulen verbannt werden sollten ein richtiges und unterstützenswertes, da ein kritischer beziehungsweise reflektierter Umgang mit Literatur und durch ihr reproduzierte Diskriminierung ein sinnvollerer Weg wäre als ein Verbot.

Diskussionen, allerdings fernab von Angstdebatten verkrusteter Konservativer denen eine offene Gesellschaft zuwider ist, darüber inwieweit Literatur, gerade Kinder und Jugendliteratur, inhaltlich problematisch und voller Menschenfeindlichkeit sein kann sind zunächst nicht falsch sondern oftmals einfach notwendig. Auch Rassismus ist ein Beanstandungsgrund vieler Bücher auf der „list of challanged books“ und Grund weshalb über Bücher und ihre Verwendung im Unterricht diskutiert wird. Leider wird fälschlicherweise viel zu oft Hatespeech in dieser Diskussion zur Meinungsfreiheit hochstilisiert und Kritik durch Betroffene an Rassismus & Sexismus in Büchern mit den oben bereits benannten konservativen Reflexen auf eine moderne Gesellschaft gleichgesetzt. Die Forderung Bücher aus den Regalen zu nehmen bleibt in den meisten Fällen jedoch genauso falsch wie der Ansatz, dass sämtliche Bücher ungeachtet des Inhalts gleichbehandelt werden sollten und alles als sagbar hingenommen werden muss sofern es denn mit Blocksatz & Buchdruck den Weg in die Bücherregale findet. Die durch die Banned Books Week geäußerte Kritik bezieht sich hauptsächlich auf die Situation in den USA, und die Definition von Redefreiheit unterscheidet sich grundlegend von der Meinungsfreiheit des Grundgesetztes (meinend, dass Holocaustrelativierung, Volksverhetzung usw. hier zurecht Strafrechtsparagrafen sind), und mir ist nicht bekannt, dass es hier eine ähnlich große Diskussion über den Zugang zur Unterrichts- und Bibliotheksliteratur gäbe.

Gerade Klassiker der Literaturlandschaft sind voller antisemitischer (Oliver Twist) und rassistischer (Huckleberry Finn) Stereotype, voller Sexismus (Janosch) und kolonialrassistischer abwertender Bezeichnungen für People of Color. Und während die erstgenannten #justbesorgteelternthings völlig unberechtigt den Muff der 1950er Jahre in die Gegenwart hinüberzuretten versuchen, haben Betroffene von (beispielsweise rassistischen) Diskriminierungen das Recht diese Bücher nicht, beispielsweise im Unterrichtskontext, lesen zu müssen und eine Diskussion über den Umgang damit ist mehr als Notwendig. Beanstanden und Verbieten, und darum geht es ja in der Banned Books Week, finde ich auch hier dennoch falsch. Mit anderer Wortwahl neuschreiben mag zwar gut gemeint (viel zu oft das Gegenteil vom wirklich guten) sein, würde allerdings die Vergangenheit unter der diese Bücher entstanden sind verschleiern und relativieren. Kommentieren, mit entsprechenden Hinweisen versehen, und Oliver Twist, Huckleberry Finn und zahlreiche andere Kinder und Jugendbücher nicht mehr kontextlos und unbegleitet zu behandeln fände ich selbst schon sinnvoller.

Da ich allerdings Diversität und Ansätze, auch Themen wie psychische Erkrankungen, queere Lebensrealitäten, in Jugendliteratur abzubilden für super wichtig erachte, und das auch bisher das Buchgenre ist, das am meisten beanstandet wird und wurde, habe ich einige Buchtitel aus der Liste der beanstandeten Werke zusammengestellt die ich im Kontext dieser Woche empfehlen werde & zusätzlich gibt es noch ein paar Links zu anderen Beiträgen die Rassismus, Sexismus und Menschenfeindlichkeit in Jugendliteratur behandeln und Ansätze zum Umgang damit aufzeigen.

Looking for Alaska

Eines der am meisten beanstandeten Bücher des Jahres 2015 ist, zu diesem Zeitpunkt bereits 10 Jahre alt, Looking for Alaska von John Green. Ein Buch das ich 2009 zum ersten mal gelesen habe und was seither, jedenfalls unzähligen Reblogs auf Tumblr zur folge, zu meinen Lieblingsbüchern zählt und so ziemlich für mich der Einstiegsmoment im lieben Nerdfighterfandom war. Während es im deutschsprachigen Raum nicht einmal ansatzweise einen Diskurs um die übersetzte Version gab, wurde die Ausgabe in Originalsprache zum Gegenstand von Diskussionen in denen Looking for Alaska als „pornographisch und abstoßend“ bezeichnet wurde, zusätzlich wurde der Umgang mit Alkohol und weiteren Drogen angekreidet. Ohne viel vorwegnehmen zu wollen kommt je nach Lesart auch Suizid als behandeltes Motiv hinzu.

John Green hat selbst dazu Stellung bezogen & wie ich finde eigentlich alles was es zu diesem komischen Diskurs zu sagen gibt gesagt.

13 Reasons Why

[cn: suicide; der nachfolgende Absatz behandelt das Thema Suizid]

Vorangestellt finde ich, dass die Netflix-Serie viel weniger gelungen als das Buch selbst ist, gerade auch da relativ viele Charaktere verfälscht & Plotelemente ziemlich vekürzt wurden; allerdings hat es, wohl eben auch Serienbedingt, Anfang des Jahres auch wieder eine größere Debatte über Buch & Serie gegeben, die es dieses mal sogar bis in überregionale Medien wie dem Spiegel geschafft hat. Grund der Beanstandung war die als ausführlich und detailreich empfundene Darstellung des Suizids der Protagonistin. Während der Spiegel der Frage nachging „warum die Serie gefährlich werden könnte“, schrieben andere Medien über den sogenannten Werther-Effekt, welcher einen kausalen Zusammenhang zwischen Medienpräsenz von Suiziden und Suizidraten sehen soll, in anderen Worten, von einer höheren Suizidrate ausgeht sollte das Thema öffentlicher als bisher behandelt werden (Das das ganze auch hier wieder die Schuld für weitere Suizide bei Betroffenen selbst sucht und so richtig stark vereinfacht sieht der Diskurs an dieser Stelle nicht). History-Fact an dieser Stelle: In Ulrich Plenzdorfs „Die Neuen Leiden des Jungen W.“ wurde die Suizidthematik herausgestrichen, da die Behandlung dessen in der DDR als unerwünscht galt.

Warum ich finde, dass 13 Reasons Why durchaus auf einen Lesestapel gehört? Das Buch bildet Suizidgründe in ihrer Komplexität ab und behandeln zumindest was diesen Aspekt angeht den Gesamtkomplex sehr angemessen, es wird zumindest nicht davon ausgegangen, dass es diesen einen singulären Grund gibt dem diese Entscheidung innewohnt, sondern eben eine Verkettung an Gründen, thirteen reasons why, und Hilfslosigkeit. Es hat mir selbst aber sehr viel Überwindung gekostet das Buch zu lesen, gerade auch da einiges zu relateable gewesen ist und relativ viele, teils traumatische Erinnerungen, an die eigene Schulzeit hochgeholt wurden, von daher würde ich diese Leseempfehlung mit entsprechenden Content-Warnings (Suicide, Self Harm, Sexual Abuse) versehen und nahelegen, das Buch in einer halbwegs sicheren und stabilen Situation zu lesen.

Perks of being a Wallflower

Ein weiteres Buch was ziemlich relateable für mich ist, findet sich auch unter jenen Werken, die verhältnismäßig oft beanstandet werden. 2016 wurde das Buch aus dem freshman english curriculum in Wallinford (Connecticut) nach einer elterlichen Beschwerde gestrichen, da das Buch Passagen enthalte die u.A. Homosexualität und Alkohol- bzw. Drogenmissbrauch behandele.

Perks of being a Wallflower ist eines der Bücher die ich mindestens einmal jährlich lese und jedes mal auf’s neue entdecke ich ein neues Detail, ein neues Zitat, eine neue Textpassage, die es in mein Literaturherz schafft; Charlie ist einfach einer der liebevollsten und relatablesten (falls ihr ein deutsches Wort kennt was genau das ausdrückt, schreibt es mir bitte via Twitter) Charaktere von denen ich bisher lesen durfte, was wohl auch daran liegt das mir wallflowerish, introvertierte, etwas ängstliche Charaktere immer besonders sympathisch sind. Eines meiner absoluten Lieblingszitate aus Perks of being a Wallflower:

But mostly, I was crying because I was suddenly very aware of the fact that it was me standing up in that tunnel with the wind over my face. Not caring if I saw downtown. Not even thinking about it. Because I was standing in the tunnel. And I was really there. And that was enough to make me feel infinite.

Links zum Umgang mit Menschenfeindlichkeit in Kinder- und Jugendbüchern:

Ein wirklich sehr wichtiger und guter Beitrag hierzu findet sich auf tofufamily.de unter dem Titel „Kinderbücher: Was ich meinem Kind nicht vorlese“. Im mittlerweile eingestellten Bremer Sprachblog der Uni Bremen wird Sexismus in Kinderbüchern auch in manchen Beiträgen behandelt, z.B. hier. Unter Rassismus raus aus Kinderbüchern findet sich von 2013 auch ein lesenswertes Blog.

Allerdings werde ich wahrscheinlich, sollte ich Zeit dazu finden, noch einmal ausführlicher Beiträge zum Umgang mit Rassismus, Sexismus und Ableismus in Literatur von Betroffenen selbst herantragen und vielleicht selbst, aus Lehramtsperspektive, etwas dazu schreiben.

Autor: Wolki Hermione

Fan Grrrl, Books & Games. Feminism. Going to be a english studies & history teacher soon. #ActuallyBPD she/her

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