Bücher, Messen & (Neo-)Nazis: Eine Nachlese zur Frankfurter Buchmesse

Eigentlich war für diese Woche ein Beitrag zu „Blue is the warmest color“ geplant & eine positive Nachlese über die vielen wunderbaren Eindrücke und flauschigen Momente der Buchmesse. Über das Naziproblem der Frankfurter Buchmesse hatte ich ja auch eigentlich bereits hier geschrieben und auch bereits das meiste gesagt. Nun ist es allerdings so, dass es während der Buchmesse selbst zu zahlreichen Übergriffen kam und die Stimmung in manchen Hallen mehr einer ausgesprochen widerlichen PEGIDA-Demonstration, wie sie 2015 vielfach in Dresden, in ihren Ablegern deutschlandweit, zu sehen war, ähnelten als dem wofür eine Buchmesse eigentlich stehen sollte: Liebe zur Literatur, Zeit mit vielen tollen Menschen & eine offene Gesellschaft.

Zunächst aber ein ganz großes Herz für die Bildungsstätte Anne Frank, die Amadeu-Antonio-Stiftung, und für jede einzelne Person, die auf der Messe sich dem ganzen entgegengestellt & im Nachhinein bereits kritisch über die Buchmesse geschrieben hat. Das ist so unglaublich wichtig.

Es haben sich bereits viele andere wundervolle Blogger*innen zu Wort gemeldet, und es erscheint mir sinnvoll, diesen zunächst Öffentlichkeit & Raum zu geben, bevor ihr euch auf meine Zeilen stürzen könnt:

  1. Schiefgelesen.net
  2. Fischundfleisch.com
  3. Bookcrow 
  4. Inkofbooks.com 
  5. Piranhapudel 
  6. Kitsunebooks.de

Zuletzt ganz viel Liebe für jede*n weitere*n Blogger*in und für jeden weiteren Beitrag den ihr schreibt <3

Die Ausgangssituation

Dass das Problem erst seit diesem Jahr bestünde & die Ignoranz der Veranstalter*innen der Buchmesse völlig neu & überraschend käme, stimmt so nicht. Neo-Nazis, Queerfeindlichkeit & Rassismus haben mindestens seit den 1990ern eine historische Kontinuität auf der Frankfurter Buchmesse.

Als ich das erste mal die Frankfurter Hallen, 2015, besucht habe, hielt Hedwig von Beverfoerde (von der queerfeindlichen Demo für Alle), Sprachrohr sämtlicher besorgter Eltern(TM) und Aushängeschild eines verbitterten Klientels, denen drölfzigtausend Militärtitel bei Pferderennenakkreditierungen wichtig, mehr als zwei Geschlechter (außer bei Adelshäusern natürlich) schon zu viel sind, einen Vortrag mit dem Titel „Gender Mainstreaming – den Widerstand organisieren“ am Stand des, seit den 1990ern, Daurgastes der Buchmesse, der Jungen Freiheit.

Rund fünf Jahre zuvor sprach Thilo Sarrazin über deutschtümelnde Thesen und seiner platonischen Liebe zu einer Gebietskörperschaft, die sich abzuschaffen drohe, nicht bei einem rechten Verlag, sondern auf dem Blauen Sofa der Buchmesse unter größerem Publikum. Sarrazin ist immerhin SPD-Mitglied (Anm. von wegen #87Prozent), war Finanzsenator in Berlin, tritt selbst in Kochbüchern so richtig nach unten und hat 2013 bei der rechtspopulistischen Compact-Konferenz in Leipzig seine 15 Minuten Fame.

Auf das was sich ansonsten bei kleineren Verlagen alles abspielt, von christlichem Fundamentalismus bishin zum antisemitischen & rassistischen Karrikaturen, möchte ich aus zeitgründen nicht eingehen. Allerdings ist es falsch, das Problem der Buchmesse ausschließlich und nur am Rand der extremen Rechten zu verorten, und dabei zu verkennen wie Rechts und menschenfeindlich eigentlich große Teile des Rests und insbesondere der so called Mitte der Gesellschaft sind.

Nein, es sind nicht die paar Nazis, es ist unsere Ignoranz
Lieber BILD, GNTM und Dschungelcamp am Bratwurststand
Als wär‘ es nicht in unserer Mitte, sondern nur am rechten Rand
Machen wir weiter unsere Witze über Gutmenschen im Land
Vergessene Geschichte wiederholt sich irgendwann
Ist unser Mitgefühl etwa in einem Flüchtlingsheim verbrannt?
(Enno Bunger – Wo Bleiben die Beschwerden)

Allerdings ist die Situation selbst, die vorher bereits unerträglich und problematisch war, in diesem Jahr, der immer stärker werdenden Präsenz rechter Verlage und dem allgemeinpolitischen Klima geschuldet, eskaliert. Während der Buchmesse selbst wurden JA-Sticker auf den TAZ-Stand geklebt, zivilgesellschaftliche Verleger geschlagen, Journalist*innen und demokratische Stadtverordnete angegangen, es gab Nazi-Sprechchöre, und schlussendlich kam es während des Vortrags von Bernd Höcke zu Naziübergriffen. Daniel Majic von der Frankfurter Rundschau hat dazu eine sehr umfangreiche Vor- und Nachberichterstattung geschrieben, die unter seinem Autorenprofil zu finden ist.

Die Frankfurter Buchmesse hat nicht nur ein ziemlich großes Naziproblem, sondern vor allen Dingen ein hausgemachtes.

„Aber… Meinungsfreiheit“ – Die Haltung der Buchmesse; Worst-Case im Umgang mit Rechts

Ich hätte mir gewünscht, dass die FBM sich bei allen Betroffenen rechter Gewalt auf und während der Veranstaltung öffentlich entschuldigt. Inbesondere für die bloße Anwesenheit dieser Verlage & Autoren die an sich bereits, für alle Personen die nicht in deren Weltbild passen, insbesondere jedoch für marginalisierte Gruppen, ein Bedrohungsszenario darstellen. Ferner, dass die Buchmesse in ihrer Pressemitteilung über die Unvereinbarkeit von faschistischem Gedankengut und dem Literaturbetrieb schreibt, einsieht, dass Buchbegeisterung nach Auschwitz und Sachsenhausen niemals nie mehr unbefangen und gänzlich unpolitisch möglich ist. Wer über die deutschsprachige Literaturlandschaft spricht kann sich eben nicht gänzlich Unbefangen auf Goethe & Schiller berufen, ohne im gleichen Atemzug die Bücherverbrennung der Nationalsozialist*innen, die Verfolgung von Autor*innen und die Shoa zu nennen.

Stattdessen, liest man größtenteils von Relativierungen und zaghaften halbherzigen Verurteilungen von Gewalt. Der „Both Sides“-Tweet von Trump und die Pressemitteilung von der Buchmesse die nicht einmal Naziübergriffe benennt, aber dann doch, zumindest irgendwie weil es ja muss, Gewalt auf allen Seiten verurteilt, verkennt von welcher Seite explizit und ausschließlich diese ausgeht. Es kann nicht so schwer sein, zu erkennen, dass Naziverlage eben keine Fanfictions verlegen, sondern politische Schriften denen eine Agenda innewohnt, die so gut wie immer, in letzter Konsequenz, in Auschwitz mündet. In Finis Germania vom Antaios Verlag, immerhin mit Spiegel-Bestseller-Sticker geadelt, wird ganz unverblümt Holocaust-Relativierung betrieben und es werden Schlussstriche gefordert. In „Das andere Deutschland. Neun Typen“ wird ohne Hemmungen darüber diskutiert, wie sich am besten ein rechter Staat machen lässt & wer schon immer mal sein Frühstück so richtig gut auskotzen wollte, der liest beim Institut für Staatstheorie was über sogenannte „Sozialbiologie“ (sic!) und Eugenik.

Das solche politischen Ansätze weder legitimer Teil einer demokratischen Debattenkulturen sein sollten noch ein Podium bekommen dürften ist ein Zirkelschluss solcher Diskussionen selbst. Das jeder AStA und jedes Gewerkschaftsbüro in der Provinz eine bessere Ausschlussklausel nach Versammlungsgesetz Mithilfe des Hausrechts durchsetzen können als die Buchmesse selbst ist das eigentliche Problem. Die Buchmesse begründet das Zulassen der extremen Rechten mit der Meinungsfreiheit. Es wird so getan als sei es eine Grundrechtsverletzung denen, die eben genau diese Grundrechte mit Füßen treten und anderen nichtmal elementarste Menschenwürde zugestehen wollen, eine Plattform zu verweigern. Privatwirtschaftliche Buchmessen haben allen Recht dazu Ausstellern Stände nicht zu genehmigen oder zu entziehen wenn diese nicht zum Konzept der Buchmesse passen.

Würde ich ein Produkt auf der Messe bewerben wollen, das absolut nichtmal im entferntesten etwas mit Büchern zu tuen hat (let’s say Waschmaschinen), würde meine Anfrage wahrscheinlich auch negativ beantwortet werden; zu Recht. Die Frankfurter Buchmesse muss sich Fragen ob ihr Konzept, ihr Auswahlkriterium einzig und alleine auf Buchdruck und Blocksatz fußt, oder ob es nicht doch auf das Geschriebene und nicht nur auf die bloße Form ankommt, denn schlußendlich geht es um angstfreie und offene Gesellschaften.

Was ich mir vom Diskurs wünschen würde…

Nahezu in Echtzeit fand zu den Nazi-Übergriffen ein Diskurs statt, den ich vorwiegend über größere Medien und Twitter verfolgt habe. Geprägt war dieser von, zum Teil wirklich sehr gut verständlicher, Hilfslosigkeit und Ohnmacht (Gefühle die ich selbst genau so, neben großer Unsicherheit, auf der Buchmesse empfunden habe), und andererseits von leider alltäglichen Relativierungen wer denn nun Schuld daran sei und das man „Nazis ja aushalten müsse“.

Es ist einfach furchtbar, dass jedes Mal auf’s neue Dinge wie Menschenketten, Bratwurstessen gegen Rechts, oder was weiß ich gefeiert werden, aber Menschen die sich aktiv dem in den Weg stellen & notfalls auch versuchen Nazis Plattformen und Räume zu nehmen kriminalisiert werden. Antifaschismus ist nicht genauso schlimm wie, sondern notwendig wegen, Nazis, habe ich selbst, zwischen Tee und Müdigkeit, im eigenen Twitterthread dazu geschrieben.

Zuletzt ist es einfach sehr Schade, dass die Buchmesse in Leipzig seit Jahren mit der extremen Rechten zu Kämpfen hat und internationale Verlage aufgrund der dortigen Situation ihre Teilnahme absagen, wohingegen sich in Frankfurt das Problem einfach selbst geschaffen hat mit unglaubwürdiger Empörung der Veranstalter*innen im nachhinein. Wenn man Nazis Räumen gibt, nutzen eben Nazis diese Räume. No big surprise. Faschist*innen gehen Journalist*innen und demokratische Verlage an, ist das wirklich so verwunderlich bei Diffamierungen wie „Lügenpresse“ und extrem rechter Ideengeschichte? Die Anwesenheit solcher Verlage mit der Meinungsfreiheit zu begründen zeugt von ziemlich vielen Privilegien und einem Weitblick bis zum eigenen Gartenzaun, zumal viele Menschen, denen Nazis den Tod wünschen, sich auf der Buchmesse weder sicher noch Willkommen mehr fühlen.

Die Buchmessenveranstalter*innen täten gut daran, das Problem nicht einfach auszusitzen und ihre bisherige Kommunikationsstrategie zu überdenken, denn ansonsten wird die Buchmesse nicht nur auf einige Besucher*innen verzichten müssen, sondern darf sich zwischen Akademikerball und Compact-Konferenzen in die Liste großer extrem Rechter Vernetzungstreffen einreihen & sich völlig überrascht Fragen wie das nur passieren konnte.

Autor: Wolki Hermione

Fan Grrrl, Books & Games. Feminism. Going to be a english studies & history teacher soon. #ActuallyBPD she/her

3 Gedanken zu „Bücher, Messen & (Neo-)Nazis: Eine Nachlese zur Frankfurter Buchmesse“

  1. Ein wirklich guter Rückblick mit genauerer Besprechung von einigen Schattenseiten, die diese Buchmesse im Besonderen und auch sonst als Großveranstaltung so hat 🙂 Gleichzeitig war es schön, beim Lesen noch einmal an die guten Erlebnisse auf der Messe zurückzudenken!

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