Blau ist eine warme Farbe: Von Wandschränken & Selbstzweifel (Buchbesprechung)

Clem, es ist schrecklich, dass sich Menschen für Öl töten und Genozide begehen…. Aber nicht, dass man einer Person seine Liebe geben will. Schrecklich ist, dass man dir sagt, es sei schlimm, sie zu lieben, weil sie das selbe Geschlecht hat wie du.

Vorbemerkung: Anstelle von Homophobie wird in diesem Post von Homofeindlichkeit und Queerfeindlichkeit gesprochen. Das tue ich, weil es sich bei Homofeindlichkeit nicht um eine Phobie handelt sondern um Hass, der toxisch wie oft tödlich zugleich ist.

Weshalb habe ich dieses Buch ausgewählt?

Als ich das erste mal, vor fast vier Jahren während meiner Oberstufenzeit kurz nach meinem eigenen Coming-Out, die Graphic Novel Blue is the Warmest Color, damals als digitale englischsprachige Ausgabe auf meinem mittlerweile angestaubten iPad, in den Händen hielt, wurde die Literaturverfilmung unter dem Titel „La vie d’Adèle“ relativ ausführlich in zahlreichen Tumblrbeiträgen und Twitterthreads diskutiert.

Von Heteronormativität und Queerfeindlichkeit

Im Erscheinungsjahr der Verfilmung, 2013, beschloß das Assemblée nationale, nachdem die konservative Sarkozy-Regierung dieses Vorhaben stets blockiert hatte, die gleichgeschlechtliche Ehe zu legalisieren woraufhin es in diesem Zuge zu Ausschreitungen und Gewalt durch Frankreichs extreme Rechte und Konservative kam. Die Jury der Filmfestspiele von Cannes 2013 hat, auch um eine klare Position hierin zu beziehen, die Palme d’or, der wichtigsten Auszeichnung des Festivals, der Verfilmung verliehen, während der Vorführung kam es, da Zuschauer*innen die dargestellten Szenen für zu pornographisch hielten, zu einem Eklat. Die Autorin der Graphic Novel zählt auch zu den Kritiker*innen der Verfilmung, die ich selbst aus ähnlichen Gründen wie so oft bei Literaturverfilmungen auch sehr dürftig finde, und hat sich sehr lesenswert in ihrem Blog juliemaroh.com darüber ausgelassen, wie sehr das ganze auf ein heterosexuelles Publikum zugeschnitten, respektiv wie heteronormativ die Verfilmung, ist.

An einem Dienstag im April

Anfang des Jahres im April habe ich beim durchstöbern der Graphic Novels in der Comix-Buchhandlung am Steintor in Hannover die deutschsprachige Ausgabe von Marohs Werk entdecken dürfen & konnte, angesichts dessen nur im Besitz der digitalen Ausgabe zu sein, den Drang verspürend Bücher auch immer in Regal stehen zu haben, nicht anders als mir diese auf meinen Stapel „ungelesener“ Bücher zu legen, mir vornehmend die Novel in der kalten Jahreszeit endlich noch einmal zu lesen.

Worum geht es?

Tintenblau, Azurblau, Marineblau, Yves-Klein-Blau, Cyanblau…

Blau ist eine warme Farbe, das im englischsprachigen ursprünglich unter dem Titel Blue Angel veröffentlicht werden sollte, erzählt eine Coming-Of-Age Liebesgeschichte zweier lesbischer Jugendlicher, Emma und Clémentine, im Frankreich der Jahrtausendwende, vom Ende der 1990er bis 2008. Ein wenig wie auch in 13 Reasons Why beginnt die Geschichte mit dem Tod einer Protagonistin, von Clémentine, die Emma ihr Tagebuch hinterlassen hat, welches die Entwicklung ihrer romantischen Beziehung vom Klassenzimmer bishin zum Krankenbett nacherzählt.

Was mir sehr gefällt:

Zunächst einmal der Zeichenstil. Dieser ist größtenteils in schwarz-weiß gehalten, häufig durch die Farbe Blau ergänzt, und ist einfach wundervoll in seiner düsteren bedrückenden Schönheit.

Besonders mein Herz gewonnen haben die Zitate zu Liebe & Freundschaft, da vieles was in der Novel geschrieben steht sehr relateable für mich ist, das wohl schönste Stand relativ am Anfang in einem Nebensatz geschrieben:

Es gibt keine streng gezogene und unabänderliche Grenze zwischen Freundschaft und Liebe.

Sehr gelungen an der Erzählung ist meiner Ansicht nach auch, dass die Verschiedenheit der Diskriminierung und Homofeindlichkeit, insbesondere auch das Klima zwischen Bezugspersonen, Gesellschaft und Umfeld, dem die Charaktere ausgesetzt sind, gleichermaßen wie der politische Rahmen der Zeit dargestellt werden und nicht zuletzt eben auch das Hinterfragen und Entdecken eigenen Begehrens.

Hilflosigkeit & Unverständnis.

Auf manchen Comicpanels sind beiläufig Proteste dargestellt & zeitgeschichtliche Hinweise erkennbar, so ist auf einem der Panels die größte Demonstration seit der Studierendenbewegung gegen die Rentenreformen unter Chirac zu sehen oder man sieht die Wahlergebnisse in denen Sarkozy, der die gleichgeschlechtliche Ehe während der Amtszeit blockierte, Präsident Frankreichs wird. Etwas ausführlicher dargestellt sind Pride-Demonstrationen, so zum Beispiel ist ein „memes devoirs memes droits“ (Gleiche Pflichten, gleiche Rechte) Banner zu sehen oder eine Fernsehberichterstattung über diese. Die Graphic Novel gibt sich sichtlich Mühe zur eigentlichen Handlung der Liebesgeschichte auch zeitgeschichtliches einfließen zu lassen, was nicht nur beiläufige Information bleibt sondern auch storyrelevant ist. Es wird nicht nur gezeigt wie Emma an der Krankenhaustür der Station, da nur Angehörige durchgelassen werden, abgewiesen wird als diese Clémentine, in Lebensgefahr schwebend, besuchen möchte, sondern auch angedeutet, dass dies eben gerade deswegen der Fall ist, das zu dem Zeitpunkt für homosexuelle Paare keine Möglichkeit existierte zu heiraten.

Aber ich sagte doch, ich bin ihre Lebensgefährtin. Ich bin ihre Familie.

Homofeindlichkeit & Die Sache mit den Privilegien

Doch nicht nur institutionalisierte Homophobie wird thematisiert, sondern auch Diskriminierung und Anfeindungen im Alltäglichen. Von ekligen und dummen Sprüchen und Anfeindungen auf der Straße bishin zum Schulhof und nicht zuletzt auch dem Elternhaus von Clémentine selbst. Über den Tod Clems hinaus hat ihr Vater, Emma die Schuld für ihr Ableben gebend unterstellend sie habe sie ins Verderben gezogen, sein Ressentiment genauso wenig überwinden können, wie Clem selbst den Rauswurf aus ihrem Elternhaus durch ihren Vater aufgrund ihrer Homosexualität verarbeiten konnte was sich zu einem Teil dann auch in der Tablettensucht widerspiegelt. Hierin spiegelt sich eben oft die Unmöglich über solchen Dingen stehen oder diese verdrängen zu können, und das Privileg von nicht Betroffenen zu behaupten dies sei möglich, da Queerfeindlichkeit einfach nie nur spurlos an Menschen vorbeizieht, sondern eben, wie die Novel eindrucksvoll zeigt, lebenslang als ein verletzender Gegenstand wie Gewitterwolken über Köpfe schwebt.

Ich habe Emmas Eltern schneller kennengelernt als geplant. Ich bin schneller erwachsen geworden als geplant. Eine Realität, die weit weg ist von meinem Jungmädchentraum.

Von Wandschränken & Selbstzweifeln

Zuletzt ist es die Darstellung & Erzählung des inneren & äußeren Coming-Outs die mir super nahegeht und die sehr relateable für mich ist. Ohne zu viel davon vorwegzunehmen, konnte ich auch ein kleines Fragment eigener Biographie in den Panels, die Szenen auf dem Schulhof und das langsame verstehen, irgendwie nicht in die vorgelebte Vorstellung meiner Eltern und großer Teile des Alltäglichen hineinzupassen & Begehren anders zu formulieren, wiederfinden und habe dann selbst zu manchen Stellen des Buches eigene Bilder im Kopf gehabt & den vor mir aufgeschlagenen Seiten lächelnd zugenickt. Mir ist bewusst, dass das wahrscheinlich ein ziemlich persönlicher Zugang zu einem Buch ist, allerdings fänd‘ ich es falsch, das nicht zu erwähnen, da ein Großteil des Lesevergnügens auch eine Auseinandersetzung mit der eigenen Biographie angestoßen hat.

Von dem anfänglichen Klammern und der Reproduktion der vorgelebten Normen „Ich bin ein Mädchen, und ein Mädchen muss mit einem Jungen gehen“ über das Hinterfragen an sich „Aber warum entspricht dieses Leben den anderen und mir nicht?“, über Foreshadowing im kleinen „Dass Liebe nicht der Moral entspricht, die man dich gelehrt hat!“ und größeren Hints wie den Panels in den Queerbars, vom nicht Wahrhaben wollens vor dem Druck einer normativen und homofeindlichen Gesellschaft „Ich bin keine Lesbe“,  über Depressionen und dem ausgeliefert sein alltäglicher Diskriminierungen, seien es Kommentare von Mitschüler*innen oder des häuslichen Umfelds und des zögerlichen Formulierens eigener Wünsche, über innere Coming-Outs „Wenn du dich verliebst, wird dein Kerl der Glücklichste der Welt sein“ „Du bist der Kerl“ (Clem in Gedanken zu Emma) und zuletzt den äußeren Coming-Outs „Was für ein beschissenes Klischee! Die Lesbe, die mit ihren Kumpels Tischfussball spielt… und es macht auch noch Spaß. Ich bin gut.“ wird sehr Detail- und Facettenreich eine queere Lebensrealität zwischen Wandschränken und Selbstzweifeln beschrieben, zu der, ich kann natürlich nur für mich sprechen, ich selbst einen sehr vertrauten Zugang fand.

Two, Four, Six, Eight! How Do You Know Your Kids Are Straight?

Am deutlichsten wird jedoch wie toxisch und normativ die Gesellschaft überhaupt ist in der das alles stattfindet. Coming-Outs existieren nur eben weil diese Gesellschaft zu Sexualitäten heteronormativ & für andere Farben des Regenbogens eben zu Geschlechtern cis-normativ, zu Beziehungen Alloromantisch und Monogam ist, und sind daher alles andere als Selbstzweck. In Blau ist eine warme Farbe existieren Tropen (klassische Figuren) des homofeindlichen übergriffigen Vaters, das Bild der Schulkameradin die nicht mehr mit Clem spricht & sie aufgrund ihrer Sexualität ausgrenzt, es existieren Panels mit ekligen Kommentaren auf der Straße, Selbstzweifel und schlussendlich Selbstbestätigung werden ebenso thematisiert, wie teilweise selbstverletzende Coping-Mechanismen die sich in Tablettensucht äußern.

Jener Nacht (meines siebzehnten Geburtstages), wo mein Vater mir, vor Wut entstellt, verkündete „Wenn du mit ihr gehst, bist du nicht mehr meine Tochter“ ist mein Geist nur noch selten friedvoll. Und ich werde 30 Jahre alt.

Aufgrund dessen, dass gerade wegen dieser Erfahrungen die kräftezerrende Auseinandersetzung mit der Umwelt ein lebenslanger Gegenstand ist, nimmt auch der Konflikt zwischen Clem und Emma, inwieweit das Alltägliche politisch, sei eine Schlüsselrolle zweier verschiedener Ansätze des Umgangs ein. Emma versteht ihre Sexualität als politischen Akt, während Clem eher drum bemüht ist, am Ende der Graphic Novel Lehrerin seiend, diese als Teil ihrer Lebensrealität im Kleinen auszuleben.

Für Emma ist ihre Sexualität ein Gut, dass sie mit anderen teilt. Ein soziales und politisches Gut. Für mich ist es die intimste Sache der Welt. Sie nennt das Feigheit, wo ich nur versuche glücklich zu sein, auf die ein oder andere Weise, wie alle anderen auch.

Warum ihr das Buch lesen solltet?

Wie auch beim ersten Lesen habe ich die Graphic Novel, zwischen Tee & Tränentaschentücher, in einem Rutsch verschlungen. Neben „Two Boys Kissing“ von David Levithan gehört Blau ist eine warme Farbe wahrscheinlich zu den bekannteren Werken die sich mit queeren Lebensrealitäten auseinandersetzen & auch hier gilt, wie so oft, dass die Literaturvorlage soviel besser und wunderbarer ist als die Verfilmung.

Es gibt viele Gründe die Novel zu lesen, vom wirklich ansprechenden und wunderbar liebevollen Zeichenstil der Panels, über den wirklichen detailreichen und ausführlicher Querschnitt lesbischer Lebensrealitäten um das Millenium herum, als auch die Darstellung der Konflikte mit gesellschaftlicher Homofeindlichkeit, deren Auswirkungen viel zu oft internalisiert werden. Auch wenn viel weniger Zeilen als in einem Volltextroman zur Verfügung stehen, büßt die Darstellung weder an Komplexität ein, noch ist das ganze sprachlich, wie man bei dem Format fälschlicherweise vermuten könnte, Platt & Plump, sondern, im Gegenteil, sehr gut geschrieben.

Nicht zuletzt erzählt die Graphic Novel eine tiefe und detailreiche lesbische Coming of Age Liebesgeschichte in ihren vielen Blautönen, und ähnlich Blau (in der englischen Bedeutung, im deutschsprachigen hat das ja eine andere) habe ich mich dann in den frühen Morgenstunden gefühlt als ich das Buch zugeklappt und nach Minuten die letzten Tränen aus dem Gesicht gewischt habe.

Autor: Wolki Hermione

Fan Grrrl, Books & Games. Feminism. Going to be a english studies & history teacher soon. #ActuallyBPD she/her

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