Die Abenteuer im Wandschrank oder: Yet another coming-out story

Unter meinen Schreibtisch liegt noch immer dieser Papierstapel, ein Stapel voller Gedichte, Texte und Geschichten, die ich angefangen, aber nie vollendet habe. Es ist Ende November und auch dieses Jahr ist der NaNoWriMo zwischen Universität und Alltag im Sand verlaufen, der Buchstabenberg nie vollendeter Kapitel um einige Centimeter gewachsen. Manche Gedanken finden nie Weg zum Papier, manche verlieren sich zwischen den Tagen, manche Worte bleiben einzig Teil meiner undurchsichtigen Gedankenwelt die sich zu einem Bruchteil in dem Chaos meiner Schreibtischschublade wiederfindet. Was für mich lange Zeit der Wandschrank war, ist für meine Coming-Out Geschichte diese Schreibtischschublade.

Ich, YA-Fiction & Hormone

Mittlerweile steht auf diesen kleinen Pappschildchen bei Community-Treffen, anders als im Ausweis, mein richtiger Name. Für mich ist es heute kein Problem in der Uni, bei der re:publica, oder sonstwo im Winterkleid mit Spaceleggins und Overknees zu meinen Chucks herumzulaufen, an meinen letzten beiden Arbeitsplätzen offen mit mir selbst umzugehen, uncoole Kommentare tangieren mich in etwa so viel wie zwei Parallelen in einem Koordinatensystem dies tun würden und in meinem Freund*innenkreis fänden Menschen wahrscheinlich den Umstand unvorstellbarer, sich mich hypothetisch als heterosexuelle & nicht-weibliche Person vorzustellen, als den Umstand, dass auf meinem Nachttisch neben Young Adult Fiction auch Hormone zu finden sein werden.

(Un)selbstverständlichkeiten

In meinem Blog schreibe ich viel über LGBT+ Literatur wie Blue is the warmest Color & über Dinge wie dem Transsexuellengesetz. Allerdings habe ich schon oft angefangen diesen Text hier zu schreiben, noch öfter den Gedanken verworfen, früher nie wirklich Mut gehabt über Persönliches zu schreiben, nicht weil ich es nicht wollte, sondern weil ich es nicht konnte. Was heute für mich Teil meiner Lebensrealität ist und so unspektakulär in meinen Alltag einfließt war eigentlich über Jahre hinweg ein großer Angstraum. Mein heutiges Auftreten hätte mich vor ein paar Jahren sogar sehr verunsichert, zumal ich nicht einmal daran denken konnte, irgendwann einmal offen mit mir selbst umzugehen.

Es ist vollkommen okay sich des eigenen Begehrens und der eigenen geschlechtlichen Identität nicht sicher zu sein, Verunsicherungen und Zweifel sind Dinge bei denen es total okay ist sie zuzulassen und ihnen Raum zu geben, das ganze macht Menschen nicht weniger (liebens)wert bzw. Valide und auch, dass sich diese Zuschreibungen manchmal ändern können ist nicht verwerflich. Ich selbst habe Jahre gebraucht Worte für mich selbst zu finden & war nahezu immer verunsichert von Eindeutigkeiten, Begriffen und dem Eingenständnis, dass das alles Dinge sind die mit mir zu tun haben, die für mich zutreffen.

Ein <3 für YouTube und Tumblr

Ein fester Bestandteil meines Nachmittags in der neunten Klasse war es, neben Booktuber*innen und Vlogbrother Videos auch eine Vielzahl an queerer YouTuber*innen zu schauen. Hin und wieder wurden dort auch Coming-Out-Reaction Videos hochgeladen & ich war überglücklich, es war einfach wunderschön, dass so viele positive Reaktionen unter solchen Videos und von den Personen im Video selbst zu sehen waren. Irgendwann hatte ich dann genügend Mut zusammen, auch mit meinen Eltern, zumindest mit meiner Mutter, bei der ich in einer Kleinstadt lebte, über Regenbögen und Einhörner zu reden, dass ich Menschen unabhängig des Geschlechts liebe, also panromantisch bin.

Mein inneres Coming-Out fand relativ früh statt, einfach weil ich mir wenige Gedanken um das Geschlecht der Menschen denen mein Begehren gilt gemacht habe, ich fühle mich Menschen oft aufgrund ihrer Begeisterung für Dinge, besonders für Serien & Bücher, hingezogen. Welches Geschlecht diese Person für sich ausgesucht hat und Dinge wie physikalisches Auftreten sind für mich nicht relevant, ich verliebe mich in Gedankenwelten, in das wofür Menschen stehen, nicht in Moleküle und körperliche Hüllen. Als ich dann auf meinem Tumblr-Dashboard auf einmal das Wort „Panromantisch“ fand, hatte mein damaliges 14-Jähriges-Ich zumindest innerlich einen Begriff gefunden. Der Großteil meiner Fanfictions bestand aus LGBT+ Charakteren und es gab kaum Het-Pairings.

Es hat dennoch über fünf Jahre gebraucht bis ich das angstfrei und offen so formulieren konnte. Aus heutiger Sicht kann ich sagen, dass das nicht schlimm & auch total okay gewesen ist, und vor allem, dass niemand sich, vor allem nicht aufgrund dieses Blogposts, gezwungen fühlen sollte jetzt unbedingt diesen Wandschrank so schnell wie möglich zu verlassen. Ich habe immer eine Art Druck verspürt doch endlich dies tun, doch endlich offen darüber reden zu können, wollte nicht mehr zwischen alten Klamotten und Motten am Tor zu Narnia mich verstecken, weil viele andere das ja auch bereits hinter sich gebracht hatten. Was mir wichtig ist zu sagen: Das eigene Wohlbefinden & die eigene Sicherheit gehen vor, niemand sollte für die Angst vor Coming-Outs (die ja auch nur ein Konzept einer heteronormativen Gesellschaft sind) verurteilt werden, denn offen mit eigenem Begehren umgehen zu können ist leider schmerzvollerweise nicht immer eine Selbstverständlichkeit.

   

Ich habe den Abend selbst noch grob in Erinnerung & das Gespräch war millionenfach kürzer als das Zittern, die Selbstzweifel, die Tränen und Aufregung vor diesem, „Ich möchte nicht, dass du schwul bist. Du willst doch heiraten und eine Freundin!“ gefolgt auf ein „Ich rede da nicht weiter drüber, du bist dann nicht mehr mein Sohn“ war die kurze Antwort darauf gewesen. (Dear Mom, you were right about at least two of them. The second one is false, I don’t want to marry at all. But I may want to date girls and yep, I’m not your son. But in another way than you may expect this to be.)

Ich habe mich zurückgezogen, mein Asus Netbook aufgeklappt, geweint und die Nacht auf Tumblr verbracht. Wie das in der toxischen Einöde einer Kleinstadt Nahe des Meeres so ist, war dann meine angenommene Homosexualität (you spelled panromantic wrong, dear biofamily) Thema irgendwelcher Familientreffen, Telefonate, Arbeitsgespräche, wenn immer ich im selben Raum mit meiner Mutter und ihrem Besuch aus der Familie war, wurden dann Dinge wie Beziehungen überthematisiert mit Suggestivfragen nach meiner damaligen Beziehung und mir bei jeder Gelegenheit eine Norm aufgedrängt die für mich länger schon kein Thema mehr war, nun aber wie eine große Barriere zwischen eigenem Empfinden und der Rolle die ich laut meiner Mutter erfüllen sollte stand. Ich habe bis heute kein gutes Verhältnis zu meinen Eltern deswegen und empfinde diese Erwartungen & Annahmen immer  als sehr verletztend. Von meinem anderen Coming-Out wussten zu diesem Zeitpunkt weder ich selbst noch meine biologische Familie etwas, an letzterem hat sich bis heute nichts geändert.

Meine Social Media Kanäle zu dieser Zeit bestanden aus #ThingsClosetedPeopleMayDo, und im Grunde habe ich digital relativ viele Dinge aus der LGBT+-Community geteilt, unmengen an YouTube-Videos verschlungen, aber auf interessierte Nachfragen dann immer Fragen nach meinem nichtheteronormativen Begehren verneint. Ich habe einen langen Beitrag über meinen ersten CSD geschrieben, hatte Regenbogenelemente in Profilbildern, und mein Closet hatte wahrscheinlich die Glaubwürdigkeit einer plagiierten Doktorarbeit. Irgendwann war es dann in der Schule & im Freund*innenkreis Konsens, dass ich panromantisch bin und es hat sich wenig verändert, außer, dass sich innerlich Eisberge von Angst gelöst haben und gen Horizont aus meinem Sichtfeld hinausgeschwommen sind.

Me, 2009 on Tumblr *posting all the rainbows*: Uhm… I’m straight, I guess.
Narrator Voice, 2011: Guess what, you’re not.
Friends, 2013: Wait… you’ve to spell straight with y instead of I, so you can put the gay in strayght.

Ich denke für Menschen die mich damals schon länger kannten war das keinerlei Nachricht wert, dass die introvertierte nerdige Person mit Tumblr-Addiction panromantisch ist, da es ja auch genug andere Menschen gibt die mir nahestehen & von absurden Normen abweichen. Zumindest in der Hinsicht war ein angsterfülltes Coming-Out und vor allem die Angst den sozialen Status und Rückhalt zu verlieren überflüssig, und das ist vor allem etwas, was ich mir so sehr, für jede Person die das liest und für den Rest der Gesellschaft wünschen würde, einfach Angstfreiheit.

Einfach weil ich es hier so selten sage: Ich bin so richtig dankbar & glücklich über jeden Herzmenschen, über sämtliche Freund*innen, mit denen ich mein Leben, meinen Alltag, und gelegentlich auch Fandoms & Shippings teile und darüber, dass diese eigene kleine Seifenblase & Comfort-Zone ein komplett angstfreier Raum ist in dem ich mich nicht, wie bei meiner biologischen Familie, verstellen muss & Menschen komplett supportive & herzig sind. Ich weiß allerdings auch, dass das ein super glücklicher Umstand ist & viele Menschen diese Form von Sicherheit eben nicht erfahren, dass da Verlust des sozialen Umfelds unweigerlich mit eigener Angst verknüpft ist. Ich hatte oft Schwierigkeiten eigene Grenzen zu formulieren & toxische Menschen zu viel Raum in meinem Leben gegeben, es mag zwar viel Überwindung kosten, aber keine zwischenmenschliche Beziehung sollte es Wert sein komplett auf Angst oder Druck aufgebaut zu sein & es ist nicht falsch oder egoistisch eben solche dann auch zu beenden. Schuldgefühle & Angsträume sind kein Grund in Beziehungen zu bleiben.

It’s Sysadmin not Cisadmin – Wenn neben dem Wandschrank noch ein Serverschrank steht.

Die Abiwochen bestanden nicht nur aus schlechten Wortwitzen von denen dann eines, das wohl der unoriginellste Wortspiel das irgendwie den Begriff Abitur, eine Alkoholreferenz und eine Jahreszahl beinhaltet, auf Pullovern gedruckt wurde, sondern auch aus einer Mottowoche, bei der ich mir an den meisten Tagen einfach wünschte, zuhause geblieben zu sein. Eines der Motti wurde dann als „Geschlechtertausch“ betitelt und ich bin, wie sonst auch, zunächst in Jeans und T-Shirt zur Schule gefahren, da mich die Idee des Tages verwirrte und ich nicht mit Geschlechterclichés arbeiten mochte die mir selbst missfallen. Wenig später habe ich dann einen Rock getragen und rückblickend war das wohl einer der wenigen Tage meiner Schulzeit an dem ich mich halbwegs confident gefühlt habe nicht nur unauffällige graue Pullover, Shirts und Jeans zu tragen, sondern Kleidung die mir wirklich gefällt. Nagellack war eine weitere Sache die mir wichtig gewesen ist, allerdings hatte ich mich nie getraut welchen selbst zu kaufen, vor allem nicht, da ich ohnehin schon genug Kommentare wegen meines Aussehens mir anhören durfte, in der frühen Schulzeit auch wegen meiner dünnen Arme, so wurde ich vom Schulumfeld oft als blasses, untergewichtiges, nerdiges Mauerblümchen wahrgenommen und eben auch als solches abgewertet.

Cameo-Auftritte der Personalpronomina

Irgendwie war ich auch nicht besonders gut darin, die Rollenerwartungen von Mitschüler*innen zu erfüllen, die oft und immer formuliert wurden, zumindest habe ich die meiste Zeit verträumt in eigenen Gedanken vebracht, gelesen, geschrieben, habe kaum Worte verloren & zunächst auch kaum sozialen Anschluss gefunden, dafür allerdings Ausgrenzungserfahrungen sammeln können. Als Personalpronomina auf dem Lehrplan standen in der 6., versuchten Mitschüler mich darüber (was zumindest aus ihrer Perspektive ein Malus zu sein schien) zu stigmatisieren für mich das Pronomen „es“ zu verwenden, und irgendwie habe ich sehr viel Zeit damit verbracht, mich wegen meines Körpers schlecht zu fühlen & irgendwie auch oft Unsicherheiten bezüglich der eigenen geschlechtlichen Identität mit mir herumgetragen als wäre es das Buch in meiner Tasche.

Nach dem Abitur habe ich dann vom Begriff Genderqueer erfahren, war aber damit nie ganz zufrieden, da dieser nur teilweise zutraf und ich oft das Gefühl hatte immer noch selbst aufgrund der Erwartungshaltung meiner Eltern zu blockieren & das war wenigstens ein Begriff mit dem diese nichts anfangen konnten, für mich eine Legitimation, die Kleidung zu tragen die ich wollte, mich um Hormone und Personenstandsänderungen zu kümmern, beziehungsweise zunächst diese in Erwägung zu ziehen.

Im März habe ich den Tag mit Freund*innen von mir verbracht die ich an meinem damaligen Studienort kennengelernt hatte, und irgendwann hatten sich unsere Gesprächsthemen von einer Demonstration die wir besucht hatten zur Geschlechtsidentität verlagert. Zwischen Tee, Haarschneidemaschinen und Haarfarben (natürlich Blau), stand auf einmal, als ich ein wenig, wir waren alle gerade im Prozess eines inneren Coming-Outs, über meine Sozialisation gesprochen hatte, darüber, dass ich nie wirklich eng mit männlichen Personen befreundet war, ich mir wünschen würde meinen Kleiderschrank am liebsten einmal komplett umzutauschen, da ich mich kaum mehr mit männlicher Kleidung wohl fühlte, ich aber auch den Genderqueerbegriff nicht als passend empfand, stand auf einmal die Frage im Raum, ob ich mich denn nicht als Weiblich identifiziere? Nach einer kurzen Stille, die sich für mich wie eine halbe Unendlichkeit angefühlt hat, flossen Erleichterungstränen & wenig später lagen dann drei Stapel Haare auf dem Teppichboden, zwei der Personen hatten ihre längeren Haare gegen eine Kurzhaarfrisur eingetauscht, ich seitdem einen Sidecut und keinen Bart, den ich damals noch hatte, mehr.

Am 27. Mai schrieb ich in zwei Freund*innenkreisgruppen dann:

sudo usermod -G  girl, genderqueer, trans -l wolkihermione $DeadName
just #fyi :3

Was soviel heißt wie, dass eine Person den Gruppen „Girl“, „Genderqueer“ und „Trans“ hinzugefügt wird und sich der Nutzername vom $DeadName (also einen alten Namen) zu Wolki Hermione geändert hat. Ich habe 21 Jahre und ein nerdiges Coming-Out gebraucht um mich zumindest größtenteils akzeptieren & um Angstfrei auch zu mir selbst stehen zu können.

Das ich heute hiermit offen umgehen kann und mir die Nacht mit diesem Blogpost um die Ohren geschrieben habe ist allerdings nie eine Selbstverständlichkeit gewesen. Ich bin froh dies zu können, weiß aber eben auch, dass es viele andere Menschen gibt die, aufgrund von Umständen, nicht die Möglichkeit haben solche Zeilen unter Klarnamen irgendwo hochzuladen, dass es Menschen gibt die noch mehr unter Hetero- und Cisnormativität leiden als ich dies tue, die keinen Rückhalt im Freund*innenkreis haben und sich komplett alleinegelassen mit sich selbst fühlen. Transfeindlichkeit und Queerfeindlichkeit sind nach wie vor oft tödlich & Normative toxisch wie oft Grund für Depression & Angst. Laut einer Studie des National Center for Transgender Equality  haben 41% (N = 7000) bereits von Suizidversuchen berichten, 19% wurde aufgrund ihrer Geschlechtsidentität ärztliche Behandlungen verweigert. In 8 Mitgliedsstaaten der vereinten Nationen wird Sexualität die von der Heterosexualität abweicht mit dem Tode bestraft.

Ich hoffe einfach, dadurch, dass ich meine Coming-Out Geschichte mit euch teile, zumindest ein Teil dessen Zurückgeben kann (#decreasingworldsuck), was queere Blogger*innen und YouTuber*innen mir damals mit ihrer Arbeit gegeben haben, dass sich vielleicht Menschen wenn sie diese Zeilen lesen weniger schlecht oder sich verstanden fühlen. Ich habe auch sehr viele Worte über meine Selbstzweifel, über mein kratziges Selbstwertgefühl, über Angst verloren und es war & ist nach wie vor eine Menge emotionale Arbeit die hinter diesem Prozess steckt, der eigentlich nicht so sein sollte. Coming-Outs sind oft so schwierig, weil es Heteronormativität gibt, und eigentlich sollte es letztere nicht geben, weil die Annahmen das Begehren von Menschen generalisierbar und universell, und Geschlechter irgendwie das was Ärzte bei Geburt feststellen würden seien, so weltfremd und falsch sind & vor allem sehr Verletzend für eine Vielzahl an Menschen.

Falls ihr mich auf Einzelheiten ansprechen wollt, Fragen zu meiner Geschichte habt oder einfach nur ein offenes Ohr braucht, könnt ihr mich jederzeit per DM auf Twitter anschreiben, mein Postfach ist offen für euch. DFTBA.

Autor: Wolki Hermione

Fan Grrrl, Books & Games. Feminism. Going to be a english studies & history teacher soon. #ActuallyBPD she/her

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