„Oh, I like Byron. I give him a 42, but I can’t dance to it“ – Die Sache mit den Rezensionen

Im Blog Lesen in Leipzig wurde eine ziemlich spannende Diskussion innerhalb der Buchblogbubble angestoßen. Bevor ihr meinen Beitrag dazu lest, empfehle ich euch Jennifers Ausführungen zur Frage „Braucht das Konzept Rezension ein Relaunch?„, sowie „Holt die Diskussion zurück auf euren Blog“ auf Kunterbunteflaschenpost.de zu lesen, da in diesen Beiträgen schon relativ viel wichtiges & gutes gesagt wurde.

Als ich Mitte 2017 von meiner längeren Buchblogpause zurückkehrte, habe ich mir als aller erstes Gedanken über das Reviewkonzept meines Blogs gemacht, da sich an meinen Literaturpräferenzen (und an meinem Kleidungsstil, und an meinem Musikgeschmack, geeky tumblr emo kids will always be geeky tumblr emo kids) innerhalb der längeren Pause nicht sehr viel geändert hatte, und dabei lag mir immer ein Dead Poets Society Zitat in den Ohren:

We’re talking about poetry. How can you describe poetry like American Bandstand? „Oh, I like Byron. I give him a 42, but I can’t dance to it.“ (John Keating, Dead Poets Society)

Es hatte sich für mich immer falsch angefühlt, Bücher irgendwie in Zahlen zu pressen, und das nicht nur aufgrund der vielen kratzigen Erfahrungen mit der Mathematik in der Schulzeit. Die meisten Reviewkonzepte die ich bisher kannte waren aber welche, die auf Bewertungsskalen nach subjektiven Maßstäben versucht hatten Bücher zu erfassen & zu hierarchisieren, was absolut nicht falsch sein muss & durchaus ein sinnvoller Ansatz sein kann, but that’s just not my cup of tea.

Resonanzfreude & Freude über Resonanzen

Meine erste Rezension im „neuen alten“ Blog war dann zu Blau ist eine Warme Farbe, der sowohl meistgeklickte Beitrag von mir als auch der mit der höchsten Resonanz allerdings zu Neo-Nazis auf der Frankfurter Buchmesse, dicht gefolgt von einem auf die schnelle verfassten kurzen Kommentar zur Bundestagswahl. Weitere Artikel die u.A. von sogenannten „challanged books“ handelten oder mein Jahresrückblick „The best books in 2017 I haven’t finished yet“ hatten ebenfalls eine vergleichbare beziehungsweise oft leicht höhere Resonanz als die Review. Das deckt sich allerdings sehr mit den Erfahrungswerten der älteren Version meines Blogs der damals nicht auf WordPressbasis war sondern als Side-Blog auf Tumblr geführt wurde.

The books reviews I haven’t written yet

Immer mal wieder in den vergangenen Monaten habe ich Reviews zu Büchern angefangen über die ich gerne mit euch sprechen mag, unter anderem zu Coraline von Neil Gaiman, zu Turtles All The Way Down von John Green, wollte Beiträge zu The Hate U Give von Angie Thomas schreiben, und nicht zuletzt endlich etwas zu The Book Thief von Markus Zusak hochladen, einem Buch mit dem, beziehungsweise mit der Ausgabe die in meinem Regal steht, ich sehr viel verbinde.

Hochgeladen & fertiggestellt habe ich keinen einzigen dieser Texte, was allerdings nicht daran liegt, dass ich mit Schreibblockade durch ein KreaTief im Versuch Berge voller Buchstabensalat zu erklimmen gestolpert bin, sondern was schlicht und ergreifend daran liegt, dass ich mir bis heute unsicher bin ob ich diese Texte wirklich als Review schreiben möchte oder ob ich lieber darüber schreibe was ich am Buch gut addressiert oder eben, im Gegenteil, problematisch fand, was ich mit dem Buch verbinde, was meine Lieblingsfanfiction zu den jeweiligen Universen sind & welche Fan-Art ich gerade gut finde.

Gerade mit der Hierarchisierung von Büchern habe ich Probleme, da ich in meinem Blog ohnehin nur über die Bücher schreiben würde zu denen ich auch etwas sagen möchte, und unter diesen nicht hierarchisieren mag weil zum Beispiel Kafka, bell hooks, Angie Thomas und John Green schwierig zu Vergleichen sind; ich zumindest kann dies kaum.

Was eine Review für mich ist…

Bevor ich näher auf die Ausgangsfrage eingehe, sollte ich vielleicht einmal kurz dalegen was für mich Reviews ausmachen:

  • Reviews…
    • …bewerten Bücher nach subjektiven Maßstäben.
    • …besprechen Buchinhalte zwar kritisch aber ohne zu großen Bezug auf den Handlungsverlauf (Spoiler).
    • …finden im Buchblogkontext im eigenen individuellen Jargon und nach eigenen Maßstäben statt, grenzen sich damit ein Stück weit von „klassischer Literaturkritik“ ab & haben einen anderen Fokus.
    • …hierarchisieren in den meisten Fällen Bücher in „gute/lesenswerte Bücher“ und Bücher die weniger gefallen.

Warum ich Reviews lese…

Sobald ich neue Bücher auf meine TBR-Liste hinzufüge, lese ich auch zeitnah die Reviews die in den vielen wunderbaren Buchblogs in meinem Feedreader und in Booktube/Booklr Communities veröffentlicht werden, und ich bin dankbar über jede einzelne Zeile die so wunderbare Buchmenschen über Literatur schreiben, über jeden Rant und jedes Lob, auch wenn es in unserer eigenen Community auch Repräsentationsprobleme gibt wie im Rest der Gesellschaft und daran gearbeitet werden sollte.

Hin und wieder lese ich auch klassische Literaturkritik im Feuilleton, meistens aber nur dann, wenn ich mal eine „Die Zeit“ Ausgabe aus dem Altpapiercontainer mitnehme für eine längere Bahnfahrt oder ein Artikel aus diesen größeren Medien mir in den Feed gespült wird. Meistens kann ich mit diesen Texten allerdings weniger etwas anfangen, da Lebensrealitäten zwischen Jura oder Germanistikstudium in Heidelberg mit obligatorischer Jusos oder Julis Mitgliedschaft während dieses, Vorliebe für Rotwein & Reitsport, der Klamottenmarke Marc O’Polo, und diesem prätentios-pathetischen Feuilletonschreibstil wirklich nicht so meins sind (entschuldigt bitte die Polemik).

Buchblogreviews wirken da nahbarer, ich kann mich oft in die Perspektive der anderen Blogger*innen hineinversetzen und der Fokus vieler Blogs die ich lese, der auf Diversity liegt, ist mir selbst auch bei der Bewertung von Büchern am wichtigsten.  Neben dem Austausch innerhalb der Wahlfamilie, also meinem Freundeskreis, ist diese Community für mich der Ort an dem sich mit Literatur auseinandergesetzt und diese diskutiert wird, dass das ganze eher barrierearm stattfindet & ohne akademische Schreibe, beziehungsweise Bücher nicht an irgendwelcher Weltliteratur, pädagogischem Gehalt oder sonstwas, sondern am eigenen good-will und Kriterien die uns Blogger*innen selbst wichtig sind gemessen werden, machen das Konzept von Reviews für mich interessant.

Diskursorte defragmentieren?

Ich habe zwischen den Jahren mein altes Jugendzimmer bei meinen Eltern umgeräumt und dabei mein Netbook was ich bis 2011 benutzt hatte wiedergefunden, neben alten Skypeverläufen (ihr kennt das) habe ich da auch ein altes Blogbackup und Google Reader Screenshots wiedergefunden, dabei ist mir aufgefallen, dass vor sieben bis acht Jahren sowohl die Beitrags als auch die Kommentardichte in den Blogs um einiges höher gewesen ist. Ganz vage erinnere ich mich noch daran, zu der Zeit mein Twitter ausschließlich für Videospieldiskussionen und mein Facebook ausschließlich für persönliches Zeugs genutzt zu haben, und inhaltliche Diskussionen größtenteils in Foren und eben in Kommentarspalten von Blogs stattgefunden haben.

Irgendwann haben wir uns scheinbar entschieden, Diskussionen von dezentralen und freien Plattformen auf Soziale Medien zu verlagern und darin liegt das Problem.

Diskussionen finden 2018 fragmentierter statt, meinend, dass ein Beitrag nicht mehr unter dem Beitrag selbst diskutiert wird, sondern auf Facebook, Twitter, Mastodon, in Chatgruppen, Discord-Server und an tausenden anderen Orten. Oft bekomme ich tagelang nicht mit, dass wer über meinen Beitrag etwas geschrieben hat und finde dann irgendwann(TM) durch Zufall weitere Kommentare. Sicher ist es mitunter niedrigschwelliger in Sozialen Netzwerken zu kommentieren als auf Blogs bei denen Accounts manchmal untereinander Inkompatibel sind. Wir sollten uns Fragen ob wir eine solche Diskursverlagerung & Fragmentierung überhaupt wollen, oder ob wir, wie Kunterbunteflaschenpost vorschlägt, nicht unsere Diskussionen zurück auf unsere Blogs holen wollen.

Was muss sich verändern?

Diese Frage kann ich nicht alleine beantworten, aber ich würde mich freuen, falls ihr mit mir*mit uns darüber diskutieren möchtet. Stichpunktartig zusammengefasst sehe ich derzeit folgende Probleme:

  • Buchblogs sind nicht mehr Ort des Hauptdiskurses über neue Literatur in unserer Community. Diese Diskussionen finden fragmentiert statt & wir schreiben oft lieber nen Tweet oder Facebookkommentar als einen Kommentar unterhalb von Beiträgen.
  • Kommentarsysteme sind manchmal untereinander inkompatibel. Eine mögliche Lösung wäre es Kommentarfunktionen zu verwenden die OpenID-Kompatibel sind oder mehrere Authentifizierungsmöglichkeiten (oder vllt. keine, dafür ein Mail/Namensfeld like it’s 2007) anbieten.
  • Wir lesen viel zu oft nur still mit & das finde ich super schade. Ich selbst ertappe mich oft bei dem Gedanken, dass ich eigentlich viel mehr zurückgeben möchte als ich es derzeit tue & mir mehr Zeit für euch nehmen mag. Ein Blogkommentar kostet vielleicht dann die paar Minuten mehr Zeit als ein Tweet, aber aus dem gleichen Grund warum ich manchmal Menschen Postkarten schreibe, ist es ein viel schöneres Gefühl als zwischen Bahn und Hörsaal geschriebene Tweets.
  • Wir stellen immer weniger Internet in das offene & dezentrale Internet. Goodreads, Instagram, Facebook sind zwar coole funktionale & sinnvolle Plattformen, dadurch, dass wir diese aber benutzen, schließen wir auch immer einen Teil potentieller Leser*innen aus die dort eben keinen Zugang haben. Blogs sind für jede*n lesbar, abrufbar & mit der richtigen Kommentarfunktion auch ohne Hemmschwelle kommentierbar.
  • Je nach Social Network entscheiden Interaktionen auf diesen Social Networks sehr über die Reichweite, sofern Timelines nicht chronologisch angezeigt werden. Dadurch können einen vielzahl an tollen & wunderbar geschriebenen Beiträgen zwischen den Zeilen verloren gehen. Ich habe damals & neuerdings wieder einen Feedreader benutzt und finde die chronologische ungefilterte Darstellung (bzw. Filterung nach eigenen Kategorien, da ich zwischen Buchblogs, private Microblogs & Techblogs unterscheide und selbst unter pseudonym noch weitere Blogs neben diesem Hauptblog hier habe) richtig super.

Autor: Wolki Hermione

Fan Grrrl, Books & Games. Feminism. Going to be a english studies & history teacher soon. #ActuallyBPD she/her

3 Gedanken zu „„Oh, I like Byron. I give him a 42, but I can’t dance to it“ – Die Sache mit den Rezensionen“

  1. Hey!
    Ich finde deinen Ansatz sehr spannend.
    Meiner Meinung nach besteht das Problem hauptsächlich in der Bequemlichkeit vieler Menschen denn wie du schon sagtest ist das Kommentieren auf FB niederschwelliger, einfacher, schneller.
    Einen Blog muss man erstmal öffnen, dann das Kommentarfeld suchen, irgendwelche Daten eingeben, vielleicht sogar einen Code als Beweis dass man kein Roboter ist.

    Ich persönlich kommentiere auch erst auf Blogs, seit dem ich selber blogge.
    Mir ist es aber sehr wichtig, auch woanders aktiv zu sein und zu stöbern, nicht nur heute durch das #litnetzwerk, was im Übrigen eine wahrlich tolle Aktion ist, das nur nebenbei bemerkt.

    Ich würde mir auch wünschen, dass auf Blogs wieder mehr gelesen & kommentiert wird. Vor allem bei Rezensionen bekommt man ja sonst schnell das Gefühl, man schreibe nur für sich selbst und um beim Verlag/Autor „abzuliefern“. Dennoch kann ich sagen, dass ich auch bei Rezis oftmals Kommentare bekomme, seit dem ich selber viel kommentiere.

    Liebe Grüße,
    Nicci

  2. Huhuu,

    ach du hast so recht. Ich kann hierarchisierung und Bewertung Stur nach Sternen auch nicht wirklich leiden. Auch strikte Sturkturen nach einem Schema – Inhalt – Schreibstil – Charakter – Fazit mag ich nicht so wirklich. Ich habe das am Anfang auch so gemacht, bin da schnell von weg, weil es mir auch beim Schreiben keinen Spaß gemach hat. ich schreibe gerne einfach darauf los, über das, was mir einfach im Kopf blieb, mir am wichtigsten war, was ich empfand oder warum es evlt auch aus persönlichen Gründen für mich wichtig war bzw. was es für mich transportierte. Und genau solche Rezensionen lese ich dann auch viel lieber – von daher, ich würde mcih freuen, wenn du deine Beiträge gerade zu The Book Thief noch online stellst :). Und jaa ich finde auch, dass wir wieder mehr auf die Blogs zurückkommen sollten, weniger in den Socials, wobei ich da schon auch selbst noch umlernen muss quasi.

    glg Franzi

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